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Avulsion

Auch bekannt als: Ablederung, Avulsio

Als Avulsion (von lat. avulsio „Abreißen“) bezeichnet man eine traumatische Verletzung, bei der ein Teil eines Organs oder Gewebes vollständig oder gewaltsam von der Körperpartie abgerissen wird. Der Begriff wird in verschiedenen medizinischen Bereichen verwendet, am häufigsten jedoch in der Unfallmedizin zur Beschreibung von Abrissfrakturen und in der Chirurgie zur Bezeichnung von Weichteilablösungen.

Das Wesen einer Avulsionsverletzung besteht darin, dass eine übermäßige Zugkraft auf eine anatomische Struktur ausgeübt wird, wodurch die Reißfestigkeit dieser Struktur oder ihrer Befestigungsstelle überschritten wird.

Typen von Avulsionsverletzungen

Je nach dem betroffenen Gewebe zeigen sich Avulsionen unterschiedlich und erfordern unterschiedliche Behandlungsansätze.

  • Avulsionsfraktur (Abrissfraktur): die häufigste Bedeutung des Begriffs. Sie tritt auf, wenn ein Knochenfragment bei einer plötzlichen Muskelkonkontraktion von einem Band oder Sehne aus dem Knochen herausgerissen wird (knöcherner Sehnenausriss). Beispiele: Abriss der Basis des V. Mittelfußknochens (Pseudo-Jones-Fraktur), meist durch Umknicken; Abrissfrakturen der Beckenknochen bei jungen Sportlern durch ruckartige Bewegungen.
  • Avulsion der Weichteile (Ablederungswunde): vollständige oder teilweise Ablösung eines Hautlappens und des subkutanen Gewebes von den darunter liegenden Faszien und Muskeln. Eine häufige Verletzung bei Autounfällen. Beispiel: Ablederungswunde einer Extremität oder der behaarten Kopfhaut.
  • Avulsion einer Sehne oder eines Nervs: vollständiger Abriss einer Sehne von ihrer Befestigungsstelle am Knochen oder Abriss eines Nervenwurzels vom Rückenmark (z. B. bei einer Verletzung des Plexus brachialis).
  • Zahnavulsion (Zahnluxation): vollständige Entfernung eines Zahnes aus dem Kieferknochen (Alveole) infolge einer Verletzung. Sie stellt einen zahnärztlichen Notfall dar.

Pathophysiologie und klinische Bedeutung

Die Pathophysiologie von Abrissfrakturen beruht darauf, dass in bestimmten Regionen des Skeletts (insbesondere bei Kindern und Jugendlichen im Bereich der Apophysen) die Festigkeit der Bänder oder Sehnen größer ist als die Festigkeit der Knochen, an denen sie befestigt sind. Infolgedessen kommt es bei einer kritischen Belastung nicht zu einem Bandriss, sondern zum Abriss eines Knochenfragments.

Das klinische Bild hängt von der Art der Verletzung ab. Bei Abrissfrakturen sind starke lokale Schmerzen, Schwellungen, Blutergüsse und Funktionsstörungen des entsprechenden Muskels typisch. Bei einer Hautablederung entsteht ein großflächiger Wunddefekt mit Durchblutungsstörung des abgetrennten Hautlappens.

Die Diagnose der Abrissfrakturen erfolgt anhand von Röntgenaufnahmen, auf denen das verschobene Knochenfragment deutlich zu erkennen ist. Die Behandlung kann sowohl konservativ (Ruhigstellung) bei einer geringen Dislokation als auch chirurgisch (Osteosynthese, d. h. Fixierung des abgerissenen Fragments mittels Schrauben oder Nähten) bei einer erheblichen Verschiebung des Fragments erfolgen. Die Therapie von Weichteilavulsionen ist immer chirurgisch und erfordert oft komplexe plastische und rekonstruktive Maßnahmen.

Differentialdiagnose

Eine Abrissfraktur ist von einem vollständigen Bänder- oder Sehnenriss sowie einer Muskelzerrung abzugrenzen. Die Klinik ist zwar ähnlich, jedoch lässt sich anhand lokaler Druckschmerzen und charakteristischer radiologischer Befunde eine genaue Diagnose stellen. In Zweifelsfällen kann zur Beurteilung der Weichteile eine Sonographie oder MRT durchgeführt werden. Einfache Risswunden sind von Ablederungen zu unterscheiden. Bei letzteren kommt es zu einer Ablösung des Hautlappens, was auf eine schwerere Verletzung und ein hohes Risiko für eine Nekrose dieses Hautlappens hindeutet.

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